"Den schwersten Angriff haben wir am Sonntagmesse erlebt…“

Ich heiße Emőke Major, bin rumänische Staatsbürgerin und wurde in Zillenmarkt/Zilah/Zalău geboren. Im Herbst 2008 habe ich mich entschlossen, an der pädagogischen Tätigkeit des Verbands der Tschango-Ungarn in der Moldau teilzunehmen und in einem Tschango-Dorf „Ungarisch zu unterrichten“. Diese Lehrtätigkeit des Verbands erstreckt sich bereits auf fast zwei Dutzend Dörfer des Komitats Bákó/Bacău, in denen Tschango-Ungarn leben, ich wurde aber nach Szitás/Nicoreşti geschickt, wo wir alles von Beginn auf organisieren sollten.
Ende Oktober ist es uns gelungen, ein altes Haus mit zwei Zimmern zu finden, das wir mieten konnten. Es dauerte ungefähr einen Monat, bis der Besitzer das Haus etwas renoviert und unter anderem den Stromanschluss erneuert hatte. Am 28. November bin ich zusammen mit meinem Partner Stephan Salzmann hier im Dorf eingezogen. Er ist deutscher Staatsbürger und spricht weder Ungarisch noch Rumänisch. Vorübergehend wohnten wir freilich im Hof des Hauses in unseren Wohnwagen. Gemeinsam setzten wir die Arbeiten am Haus fort, so strichen wir die Fenster und Türen, putzten und reparierten die Möbel. Der Verband ließ einen Kachelofen bauen und am 13. Dezember konnten wir endlich eines der beiden Zimmer beziehen. Nun ging es an die Einrichtung des anderen Zimmers für die Kinder. Dank einer niederländischen Spende erhielten wir kleine Stühle und Schultische, die wir aus Diószeg/Tuta, wo sich das nächstgelegene Haus des Verbandes befindet, abholen konnten. Frau Ilonka, die Schwester des Hausinhabers, wusch inzwischen die Teppiche, Wandteppiche und Vorhänge, und nachdem alles wieder an seinem Ort war, hatten wir am 20. Dezember einen hübschen, ordentlichen Raum. Die Dorfbewohner beobachten schon die ganze Zeit neugierig, was hier vor sich ging. Auf der Straße, im Geschäft, am Kirchhof und am Dorfbrunnen grüßten sie uns freundlich, fragten uns aus und scherzten mit uns. Nachdem das Klassenzimmer fertig war, konnte ich ihnen etwas Konkretes ausrichten, nämlich dass wir ab dem Montag (dem 22. Dezember) die Kinder empfangen können. Während der Weihnachtsferien wollten wir uns erst kennen lernen, viel spielten und zeichnen, erst dann würden wir die ernsteren Sachen in Angriff nehmen, wie Schreiben und Lesen auf Ungarisch. Auf Wunsch würden wir auch Deutsch und Englisch unterrichten. An einem Nachmittag haben wir zusammen mit meiner Nachbarin die Familien mit Kindern in unserer Umgebung besucht, am nächsten Nachmittag mit Frau Ilonka die Familien in ihrer Umgebung. Die Eltern haben uns überall freundlich empfangen, was sehr ermutigend war, und am Morgen des 23. Dezember warteten schon die ersten fünf Kinder vor unserem Tor, Schüler der Klassen 2 bis 4.
Ich nahm ein paar Gesellschaftsspiele hervor, aber zu meine Überraschung – und nicht geringen Freude – wurde ich schon bald gefragt: „Wann werden wir schreiben?" Also haben wir mit den Kindern von Szitás schon am ersten Tag auf Ungarisch geschrieben. Die ersten erzählten offensichtlich den anderen von den Ungarischstunden und so erlebten wir innerhalb weniger Tage einen kleinen Ansturm von Kindern. Zu Weihnachten schmückten wir ein Tannenbaum, aus dem Bákóer Büro kamen Geschenke an, aus denen wir 18 Päckchen machten, die wir am 26. den Kindern schenken konnten. Das war erst der dritte Tag, doch damit alle bequem Platz hatten, musste ich die Kinder in drei Gruppen aufteilen. Die Schulferien dauerten bis zum 4. Januar, bis dahin ließen die Kinder keinen Tag aus. Zu Schulbeginn waren es ungefähr 25 Kinder, die ich in vier Gruppen je drei Mal wöchentlich für bis zu anderthalb Stunden eingeteilt hatte. Mit der Zeit lernte ich auch die Eltern besser kennen. Da mein Zeitplan nach dem Schulbeginn etwas lockerer wurde, wollte ich auch den Amtsträgern – Bürgermeister, Pfarrer und Schuldirektor – einen Besuch abstatten, um sie über unsere Anwesenheit und Tätigkeit zu informieren. Schließlich sind sie es, die dieser Ortsgemeinschaft vorstehen. Die katholische Kirche ist nur 100-150 Meter von uns entfernt, darum fing ich dort an. Am 6. Januar, einem Dienstag, suchte ich nach der 11-Uhr-Messe und der Wassersegnung den Priester in seinem Büro auf. Ich stellte mich kurz vor, doch als ich unser Vorhaben zur Sprache brachte und warum wir hier sind, gab mir der Pfarrer zu verstehen, dass er eine Gegenpropaganda veranlassen wird. Die Tätigkeit des Verbandes im Dorf müsse sofort gestoppt werden, diese sei im Ansatz schlecht, die Leute hier seien Rumänen, die sprachlich ohnehin bereits verwirrt sind und nicht weiter verwirrt werden dürften. Also… das machte mir nun doch zu schaffen. Natürlich hatte von Kollegen aus anderen Dörfern genug über die problematische Rolle der Kirche gehört, aber selbst so etwas zu erleben, war etwas anderes. Vorher wollte ich es einfach nicht ganz wahrhaben. Selbst dann noch nicht, als ich aus dem Pfarrhof herauskam. Aber dann nahm uns die eiskalte Wirklichkeit in Beschlag, schneller, als ich denken konnte. Am nächsten Tag, dem Mittwoch, kam der Bürgermeister in Begleitung des Polizisten zu uns. Sie schauten sich gründlich um und namen unsere Daten auf. Am Donnerstag stattete uns aus der Komitatshauptstadt Bákó Attila Hegyeli einen Besuch ab, der beim Verband für das Unterrichtsprogramm verantwortlich ist, da wir eine Vorladung zum Gemeindeamt erhielten. Im großen Sitzungssaal nahmen zu unserer „Ehre“ der Bürgermeister, sein Stellvertreter und der Polizist Platz. Ihrem Standpunkt nach würden wir eine illegale Tätigkeit ausüben und sie bestanden darauf, dass die Ungarischstunden einzustellen seien, so lange keine Bewilligung dafür vorliege. Wir erklärten, dass dem nicht so sei, auch aufgrund von Beispielen aus anderen Dörfern, sprachen von Zusammenarbeit und vom Wert der Sprache, von der Bewahrung von Traditionen, und übergaben Dokumente, die belegen, dass unsere Aktivitäten legal sind. Die Amtsträger konterten damit, dass am Besten die am Dorfversammlung über diese Sache abstimmen solle und wenn sich mindestens die Hälfte der Dorfbevölkerung dafür ausspreche, könne auch der Gemeinderat seine Zustimmung erteilen. (Nebenbei angemerkt, nach der gültigen rumänischen Gesetzeslage ist eine derartige pädagogische Tätigkeit an keinerlei Bewilligung der lokalen Behörden gebunden.)
Die Anzahl der Kinder, die an den Stunden teilnehmen, ist stark gesunken. Vor allem die größeren sind ausgeblieben, so kam von den sechs Mädchen aus der 5. bis 7. Klasse am Donnerstag nur ein einziges. Sie erzählte uns, die andere würden darum nicht mehr kommen, weil der Herr Pfarrer gesagt habe, wer in dieses Haus geht, darf nicht mehr ministrieren. Das eine Mädchen kam auch am Samstag zur Ungarischstunde, und am Sonntag schickte sie der Herr Pfarrer tatsächlich weg, sie durfte nicht ministrieren. Ich habe außerdem gehört, dass der Schuldirektor wenigstens in einer Klasse bereits zur Sprache gebracht hat, dass er gegen die Ungarischstunden ist, obwohl nicht ganz klar ist, ob das als ein Verbot zu werten ist.
Der schlimmste persönliche Angriff gegen uns erreichte uns allerdings an der Sonntagsmesse. Nach Verlesen des Wochenkalenders folgte eine Bekanntmachung: Zwei Personen sind in das alte Haus der Palăus eingezogen, und nicht genug, dass sie im Konkubinat leben – man weiß nicht so recht, wer sie geschickt hat und mit welcher Absicht. Es folgte eine Aufzählung böser Sachen, die in der Welt geschehen – von Pädophilie über Kinderpornografie bis zum Organschmuggel. Der Herr Pfarrer ermahnte die Leute, vernünftig zu sein und gegenüber uns Vorsicht walten zu lassen, bevor es zu spät ist und die Kinder in mehrere Teile aufgeschnitten sind. Er persönlich habe den Eltern und Kindern verboten, an unseren Stunden teilzunehen.
Ich wünsche niemanden die Blicke, die bei Verlassen der Kirche auf mich gerichtet waren – oder die anderen, die bewusst in eine andere Richtung schauten. Bisher hatte ich mich im Dorf wohl gefühlt, ich habe von Seiten der Dorfbewohner keinerlei negativen Empfindungen erlebt, nur Offenheit und Freundschaft. Zum Beispiel hat uns eine Frau aus dem Dorf zu Weihnachten Nockerl, Wein und Kuchen gebracht. Die Kinder – und nicht nur die, die wir schon kannten – haben für uns gesungen, wie es Brauch ist. Sie haben uns schon als Bekannte auf der Straße gegrüßt, wie es vor Ort üblich ist. „Geht Sie fort?”, “Kommt Sie schon nach Haus?”, “Geht Sie Wasser holen?” Ich habe mich richtig daran gewöhnt und antworte auch schon, wie die Ortsansässigen. Und all das hat sich durch eine drei Minuten lange Verlautbarung verflüchtigt.
Ich denke aber, die Leute werden diese Angelegenheit früher oder später nüchtern und unvoreingenommen sehen. Hoffentlich ist der Winter bald zu Ende und die Sonne scheint wieder für alle.

 

 

14 Januar 2009

Übersetzt aus dem Ungarischen von: Alpár-László Krecht und István Neumann

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